
mit Gewohnter Wandel, Wüstenrot Stiftung
28.4.2026: Baukultur-Gespräch „Wohnungsfrage StadtLand“
Beim 13. Baukultur‑Gespräch zur Wohnungsfrage StadtLand in Kooperation mit dem DFG-Graduiertenkolleg Gewohnter Wandel und der Wüstenrot Stiftung ging es um alle, denn Wohnen und Wohnungsbau betrifft jede und jeden von uns – und Lösungen für die aktuellen Themen entstehen nur gemeinsam. Im ländlich geprägten Thüringen, mit schrumpfender und älter werdenden Bevölkerung und in Anbetracht des Ziels der Klimaneutralität müssen soziale, räumliche, ökologische und politische Fragen integriert entwickelt werden.
Prof. Dr. Schönig, Sprecherin des Graduiertenkollegs und Professorin für Stadtplanung an der Bauhaus-Universität Weimar machte deutlich, dass Wohnen ein interdisziplinäres Thema ist, dem auch die Wohnungsforschung gerecht werden muss. Stadt und Land stehen dabei nicht im Gegensatz, viele Herausforderungen spiegeln sich beidseits. Was aber fehlt, sind verlässliche, differenzierte Daten als Grundlage für eine strategische Wohnungs- und Bestandsentwicklung in eher ländlich geprägten Räumen - sie sind schlicht weniger erforscht. Ihr Plädoyer: Leerstand aktiv entwickeln, Akteure befähigen, Einzelfallentscheidungen ermöglichen – und perspektivisch einen Wohnungsversorgungsplan, eine räumlich basierte Strategie für Thüringen entwickeln. Die Diskurse und Arbeiten des Graduiertenkolleg bieten dafür in den nächsten Jahren Impulse.
Dr. Martin Gude, Abteilungsleiter im Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur betonte den Anspruch seines Hauses als Gestaltungsministerium. Nicht das bloße Verwalten von Förderrichtlinien, sondern aktives Steuern stehe im Mittelpunkt. Thüringen verfügt insgesamt über ausreichend Wohnraum, das Problem liege in der Verteilung. Standortfragen seien eng an Mobilität gekoppelt, zugleich komme in Thüringen vieles günstig zusammen – etwa der hohe Anteil von kommunalen Wohnungsgesellschaften mit ihren öffentlichen Werten. Niedrige Mieten bedeuten jedoch zugleich eine enorme Herausforderung für die immensen Investitionsbedarfe durch Klimaanpassung und Klimaschutz. Die kommende Richtlinie zum sozialen Wohnungsbau setzt daher - flankiert von Bürokratieabbau - auf Sanierung statt Neubau und differenziert Stadt und Land.
Frank Bachmann aus der Bau- und Stadtentwicklung der Stadt Pößneck schilderte die kommunale Perspektive in der 12.000 Einwohner großen Stadt: Pößneck hat seit 2008 eine eigene Strategie entwickelt, kauft leerstehende Immobilien an und entwickelt sie selbst auf Rohbauniveau und verkauft/verpachtet sie anschließend. Anders geht es laut Bachmann nicht, Kommunen müssen selbst zum Projektentwickler werden und Marktfähigkeitt herstellen - so können städtebauliche Defizite behoben, Identität erhalten und Daseinsvorsorge auch räumlich organisiert werden. Obwohl sich die Problemlagen in Thüringen ähneln, ist Pössneck mit dem Zwischenerwerbsmodell ein Vorreiter - und daher: zum Nachahmen empfohlen. Im Spannungsfeld von Gebäudebestand und den komplexen, in Teilen paradoxe Regelwerken sieht Herr Bachmann noch jede Menge Entwicklungspotenzial in Thüringen und wünscht sich „geerdete“ Rahmenbedingungen für die kommunalen Macher/Macherinnen.
Bettina Lehmann vom Projekt „Wärmewende im Gebäudebestand“ der Ernst-Abbe-Hochschule Jena verwies auf die Überlagerung von demografischem Wandel, Klimazielen und Energiefragen. Schrumpfungsprozesse durch Überalterung verändern Wohnbedarfe grundlegend, während das Ziel der Klimaneutralität verlässliche politische Rahmenbedingungen erfordert. Sie stellte die Frage „Wie wenig ist genug?“ in den Raum: Nicht jedes Gebäude müsse maximal saniert werden, der größte Hebel liege bei den „schlechten" Beständen, während ansonsten mitunter wenige Eingriffe genügen. Auch Mieterstrommodelle seien sinnvolle Bausteine, scheiterten jedoch häufig an mangelnder Akzeptanz. Aber - Wandel braucht die echte Mitwirkung vor Ort – sonst bleibe er aus.
Klar ist: Thüringens Innovationspotenzial liegt im mutigen Umgang mit dem Bestand, im Engagement und Befähigung vor Ort und im gemeinsamen Lernen durch Austausch und Perspektivwechsel. Wir bleiben gemeinsam dran!
Programm
17 Uhr: Begrüßung im Eiermannbau Apolda
- Katja Fischer, Geschäftsführende Vorständin Stiftung Baukultur Thüringen
- Kathrin Meißner, Wissenschaftliche Koordination des DFG-Graduiertenkolleg 2892 „Gewohnter Wandel“
17.20 Uhr: Fishbowl zur Wohnungsfrage
- Frank Bachmann, Fachbereichsleiter Bau- und Stadtentwicklung, Stadt Pößneck
- Dr. Martin Gude, Abteilungsleiter Bauen, Wohnen und Stadtentwicklung, Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur
- René Hartmann, stv. Leiter Themengebiete Literatur und Bildung und Projektleiter, Wüstenrot Stiftung
- Bettina Lehmann, Mitarbeiterin Projekt „Wärmewende im Gebäudebestand“ Ernst-Abbe-Hochschule Jena
- Prof. Dr.-Ing. Barbara Schönig, Professur Stadtplanung, Bauhaus-Universität Weimar & Sprecherin des DFG-Graduiertenkollegs „Gewohnter Wandel
18.30 Uhr: Ausstellungsrundgang „Lücken füllen – Wohnraum schaffen“







DFG-Graduiertenkolleg Gewohnter Wandel
Im Zentrum des Graduiertenkollegs steht die Frage, welche Probleme, Widersprüche und Konflikte sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlichem Wandel und räumlicher Materialisierung des Wohnens ergeben und wie die gebaute Wohnumwelt zukünftige gesellschaftliche Entwicklungspfade prägt bzw. prägen soll. Das langfristige Anliegen des Kollegs ist, dieses vielschichtige und mitunter gegensätzliche Zusammenspiel zu erfassen.
Mehr dazuPublikation „Lücken füllen – Wohnraum schaffen“
„Kleine Lücke, große Wirkung“ – Wo manche nur leeren Raum und „Schmuddelecken“ sehen, entdecken kreative Architektinnen und Architekten das Potenzial für innovatives Wohnen. In seiner 14. Auflage widmet sich der renommierte Gestaltungspreis der Wüstenrot Stiftung einer der spannendsten Herausforderungen unserer Zeit: Wie können wir in Zeiten von Wohnraummangel die versteckten Potenziale unserer Städte und Dörfer intelligent nutzen? Gefragt sind „lückenfüllende Bauformen“, die mit innovativen Lösungen gestalterisch, ökologisch und sozial überzeugen. Die 20 Finalistinnen und Finalisten des Gestaltungspreises werden in dieser Dokumentation mit Texten, Fotos, Grafiken und Videos ausführlich vorgestellt. Beim Baukultur-Gespräch wird die gleichnamige Ausstellung im Eiermannbau eröffnet.
Mehr dazu