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StaatspreiseProjekt Staatspreis Ingenieurleistungen



Bürgerhaus mit Stadtbibliothek und Ratssaal in Nordhausen

Konstruktiver Aufbau und Tragwerk

Erläuterungen der Einreicher

Der Neubau der Kulturbibliothek mit dem Bürgerhaus schließt eine seit den 1960er Jahren bestehende städtebauliche Lücke zwischen der Wohnbebauung am Kornmarkt und dem „Alten Rathaus“ und bildet somit die „Neue Mitte“ der Stadt Nordhausen. Das Baufeld wies infolge der durch Kriegseinwirkung zerstörten Vorgängerbauten eine erhebliche Inhomogenität im Baugrund auf. Aus diesem Grund wurde für das Bauwerk eine kombinierte Pfahl-Platten-Gründung als wirtschaftlich optimale und innovative Gründungsvariante gewählt. Die 2-geschossige Tiefgarage (ca. 60 x 43 m) wurde als „Weiße-Wannen-Konstruktion“ ausgeführt und beherbergt neben den PKW-Stellplätzen zahlreiche Technikbereiche sowie den Löschwassertank für die Hochdruck-Wassernebel-Löschanlage der Bibliothek. Über der Tiefgarage erheben sich die beiden Hochbaukörper, die mittels eines Verbinders im Obergeschoss funktionell miteinander gekoppelt sind. Teile der Tragstruktur der Bibliothek und das Bürgerhaus leiten ihre Lasten auf das Obergeschoss der Tiefgarage ab. Dadurch waren aufwendige Abfangungen und Wechsel in der Tragstruktur der Tiefgarage zur Weiterleitung der Lasten aus den beiden Gebäuden erforderlich. Die Bibliothek mit einer Grundfläche von 60 x 20 m ist 3-geschossig und kragt in den Obergeschossen an der östlichen Fassadenfront bis zu 4 m gegenüber dem Erdgeschoss aus. Die drei Etagen werden über geometrisch unterschiedlich gestaltete Lufträume optisch miteinander verwoben. Der monolithische Stahlbeton-Baukörper schiebt sich an seiner Längsseite zusätzlich mit einer Gebäudeachse über das bereits bestehende Parkdeck der Wohnbebauung am Kornmarkt. Über speziell für das Bauvorhaben gefertigte stahlbewehrte Flächenloch-Gleitlager werden die Lasten aus dem neuen Baukörper in die Bestandskonstruktion des Parkdecks eingetragen. Mögliche Verdrehungen infolge unterschiedlicher Setzungen zwischen Bestand und Neubau werden so kompensiert. Die Stahlkonstruktion an der auskragenden Giebelfront hat eine Doppelfunktion zu erfüllen, indem sie die Decke über dem 1. Geschoss lastmäßig an die Decken über Erd- und 2. Obergeschoss anbindet und gleichzeitig die hochwertige Natursteinfassade aufnimmt. Im Bürgerhaus (ca. 25 x 22 m) sind im Erdgeschoss eine öffentliche Einrichtung (Bürger Café) sowie ein Beratungszimmer der Stadtverwaltung untergebracht. Im Obergeschoss befindet sich der multifunktional nutzbare Ratssaal für max. 200 Personen, welcher stützenfrei mittels eines Trägerrostes aus BSH-Trägern überspannt wird.

Energieeffizienz

Die durch Lufträume miteinander verbundenen Geschosse erlauben die Umsetzung eines effizienten Energiekonzeptes. In der Dachdecke ist ein durchgängiges Lichtband angeordnet. Im Sommer verringern die äußeren beweglichen Glaslamellen eine Aufheizung der Innenräume (Glasfassaden = Doppelfassaden). Lüftungsflügel ermöglichen eine Nachtauskühlung. Im Winter werden die solaren Wärmegewinne in das Gebäude eingetragen. Eine Bauteilaktivierung einzelner Wandflächen wurde in das Energiekonzept einbezogen.

Barrierefreiheit

Sowohl die Wegebeziehungen innerhalb des Gebäudeensembles als auch die Verbindung mit den angrenzen-den innerstädtischen Freiräumen und zur Leseterrasse mit dem Wasserbecken wurden barrierefrei gestaltet. Zwei Aufzüge erschließen die beiden Tiefgaragengeschosse und die drei Obergeschosse. Den zentralen Schnittpunkt bildet dabei das Foyer des Bürgerhauses.

Grundstücksfläche2371 m²
Hauptnutzfläche2452 m²
Gesamtbaukosten15,40 Mio. EUR

2. Preis · Thüringer Staatspreis für Ingenieurleistungen 2017

Projektadresse
Nicolaiplatz 1, 99734 Nordhausen

Bauherr

Stadt Nordhausen, Nordhausen

Planung

Ingenieurbüro Dr. Krämer GmbH, Weimar
Dipl.-Ing. Thomas Jecke
Dipl.-Ing. Lothar Burkhardt

Beurteilung des Preisgerichts

Der Neubau des Bürgerhauses mit Stadtbibliothek und Rathaussaal ist neben dem architektonischen Lückenschluss zwischen der Wohnbebauung am Kornmarkt und dem Alten Rathaus eine ingenieurtechnisch anspruchsvolle Aufgabe hinsichtlich Statik und Tragwerksplanung.

Die Lasten aus der Konstruktion werden einerseits über eine kombinierte Pfahl-Platten-Gründung bauwerksverträglich in den Untergrund geleitet, andererseits liegt eine Längsseite des Stahlbeton-Körpers auf dem bestehenden Parkdeck der Wohnbebauung. Diese Konstruktion muss nicht nur die Lasten aus dem Neubau, sondern auch mögliche Verdrehungen aus vertikalen sowie horizontalen Verschiebungen aufnehmen.

Daher war als Bindeglied zwischen Neubau und Bestand der Einbau eines speziell für diese Konstruktion entwickelten Flächenloch-Gleitlagers erforderlich. Über dieses Lager werden unterschiedliche Setzungen ausgeglichen und Setzungsdifferenzen kompensiert.

Die Dachkonstruktion des im Obergeschoss angeordneten Rathaussaals wurde aus Brettschichtholz-Trägern geplant, die eine relativ schlanke Geometrie erlauben und gleichzeitig keine zusätzlichen Stützen benötigen. Die Dachlasten werden in die Stahlbetonwände übertragen und abgeleitet.

Durch die optimale Verknüpfung der Bauingenieurdisziplinen Statik und Tragwerksplanung ist es gelungen, neue ingenieurtechnische Lösungsansätze im Zusammenhang mit der Verwendung modifizierter Konstruktionen, wie zum Beispiel dem stahlbewehrten Flächenloch-Gleitlager als Verbindungselement zur bestehenden Tiefgarage zu berechnen, zu planen und zu bauen.

Der Erläuterungstext und die Angaben zu Beteiligten/ Fotografen wurden von der Stiftung Baukultur Thüringen weder geprüft noch korrigiert oder lektoriert. Verantwortlich für den Inhalt sind die Einreicher.