Stadtbausteine: Quartier am Kornmarkt und Bürgerhaus

Raumgestaltung und Städtebau, Nordhausen, 2014
Preisträger, Thüringer Staatspreis für Architektur und Städtebau 2016

Stadtbausteine für Nordhausen, Eingang Engelsburg, Bild: Claus Bach

Aus der Projektbeschreibung:

Mit den beiden Stadtbausteinen, dem neu gestalteten Quartier am Kornmarkt und dem Bürgerhaus mit Stadtbibliothek und Ratssaal wird die räumliche Situation im Zentrum der Stadt neu geordnet. Die Innenstadt rückt als attraktiver Wohnstandort ins Bewusstsein der Bürger. Rathaus, Stadthaus und neues Bürgerhaus bilden eine neue räumliche und funktionale Einheit. Das Zentrum um das historische Rathaus wird entscheidend gestärkt, die Innenstadt wird durch neue Funktionen belebt.
Das Wohnquartier wurde in Bezug auf die Wohnungsstruktur, die Ausbildung von Freisitzen, Barrierefreiheit, Freiraumgestaltung, Parkierung und äußere Gestalt so umgebaut, dass modernes innerstädtisches Wohnen möglich ist. In einer Tiefebene wurden Stellplätze für die Anwohner angeordnet. Auf diesem Parkdeck wurde ein gemeinschaftlich nutzbarer grüner Innenhof gestaltet, der über Stege direkt aus den Treppenhäusern erreicht werden kann. Dominierend ist die große, ruhige Rasen­ fläche mit dem Hofbaum in der Mitte. Der Wohnhof ist das grüne Gegenstück zur steinernen Terrasse, die durch den Baukörper des neuen Bürgerhauses gefasst wird.
Das neue Bürgerhaus bildet zusammen mit den historischen Gebäuden des Rathauses und des Stadthauses ein neues städtisches Ensemble. Das neue, barrierefrei gestaltete Gebäude ist über vielfältige Wegebeziehungen mit dem umliegenden Stadtraum vernetzt. Das Foyer des Bürgerhauses befindet sich im Schnittpunkt all dieser Wege. Innen­ und Außenraum werden an dieser Stelle über einen durchlaufenden Bodenbelag aus Kalkstein miteinander verbunden. Die sorgfältig gestaltete Terrasse mit Wasserbecken und das Foyer des Bürgerhauses bilden zusammen eine wichtige Plattform für öffentliches urbanes Leben. Die drei Etagen der Bibliothek werden über verschiedene Lufträume miteinander verbunden. Der Lesesaal bildet sich als Herzstück des Bürgerhauses nach innen und außen über seine besondere Materialisierung ab. Die Materialien Glas, Putz, Muschelkalk und Eichenholz dominieren die Innenräume des Gebäudes und verleihen ihm atmosphärische Vielfalt. Heller Travertin umhüllt das gesamte Haus. Der Stein ist das verbindende Material zwischen historischem Rathaus und neuem Bürgerhaus. In Nordhausen wurde die Chance genutzt, mit zwei neuen, nachhaltig konzipierten Stadtbausteinen das Zentrum entscheidend aufzuwerten. Es sind ein moderner Wohnstandort und ein neuer Ort für Kommunikation, Bildung und Kultur in der Mitte der Stadt entstanden.

Energiekonzept

Die verglasten Fassaden der Bibliothek sind als Doppelfassaden ausgebildet. Im Winter werden solare Wärmegewinne in das Haus eingetragen. Im Sommer verringern Glaslamellen der Fassade eine Aufheizung der Räume. Lüftungsflügel ermöglichen eine Nachtauskühlung. Massive Bauteile geben ihre Kühle am Tag an die Räume ab. Der Energieverbrauch des Gebäudes wurde durch die Gebäudekonzeption und vorrangig passive Methoden minimiert, geringe Betriebskosten für das Gebäude sind die Folge.

Aus der Jurybeurteilung:

Hinter dem Überbegriff der Stadtbausteine verbirgt sich eine eindeutige Absicht. Hier wird ein Stück Stadt gebaut und es wird gleichzeitig ein Stück der Nordhäuser Innenstadt komplettiert. Die Vorgabe, einen Stadtblock für einen attraktiven Wohnungsbau aufzuwerten und mit Ratssaal und Bibliothek einen öffentlichen Platz zu fassen, haben eine plausible Form gefunden.
Die Aufstellung der Bibliothek senkrecht zum Blockrand bewirkt ein eindeutiges Davor und Dahinter und weitet im Einklang mit der Topografie einen Platzraum um den Ratssaal, den man fast schon eine Bühne nennen kann.
Dass dabei die Materialität des Gebäudes sowie der Freiraumgestaltung aufeinander abgestimmt sind, dass sich Oberflächen um das und in das Gebäude fortsetzen, zeugt von einem inhaltlichen Einverständnis der beteiligten Fachplaner. Die Bücherei zieht dadurch die Qualitäten des neuen Stadtplatzes ins Gebäude hinein und setzt den Anspruch fort, einen neuen öffentlichen Ort in Nordhausen zu schaffen. So wirkt die Bibliothek mit ihren drei Ebenen wie eine offene Vitrine, deren Angebote weit sichtbar sind und die zusätzlich nachts nach außen auszustrahlen vermag. Mit dem Projekt ist für Nordhausen, eine im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Stadt, einerseits eine zeitgemäße Interpretation der früheren urbanen Struktur geglückt, andererseits sind Nutzungen in einer selbstverständlichen Zuordnung zusammengekommen, welche den gelebten Bürgersinn einer Stadt sichtbar ausmachen. Die Neuordnung gibt der bestehenden Wohnbebauung des Kornmarkts eine neue Nachbarschaft und vor allem einen neuen eigenen Hofbereich, welcher Qualitäten des Halböffentlichen und des Privaten zu kreuzen vermag. Dem Projekt wird durch die Jury der Staatspreis 2016 verliehen, weil es einige mutige Entscheidungen der gemeinsamen Bauherrschaft von Städtischer Wohnungsbaugesellschaft und der Stadt Nordhausen widerspiegelt. Als positiv wird gewürdigt, dass die Aufgabenstellung eindeutige städtebauliche Ziele verfolgt. Es werden Funktionen im gesamtstädtischen Zusammenhang neu geordnet. Innerstädtisches, qualitätsvolles Wohnen wird gestärkt. Schließlich wird das Rathaus mit dem Ratssaal um ein wesentliches Element ergänzt, welches die Rolle der politischen Vertreter mit einem neuen Bild versieht.

Planung

Schettler-Wittenberg Architekten (Enwurf und Planung)

Schettler Architekten (Realisierung)

  • Dr. Anke Schettler

Stock + Partner Freie Landschaftsarchitekten

  • Dipl. Ing. Wolfram Stock

Bauherren

  • Stadt Nordhausen (Bibliothek)
  • Städtische Wohnungsbaugesellschaft mbH Nordhausen (Quartier am Kornmarkt)

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