KONTOR

Umbau und Revitalisierung eines Gebäudes zu einem Zentrum der Kreativwirtschaft, Erfurt, 2019
Engere Wahl, Thüringer Staatspreis für Baukultur 2021

Aus der Projektbeschreibung: 

Noch zu oft werden brachliegende Industriestandorte nur als sogenannte Schandflecke wahrgenommen und/oder sie werden im Stadtraum unsichtbar. So auch beim 1958 gebauten ehemaligen Kontor Erfurt. Ein wahrer lost place, mit Birkenwäldchen, Graffiti und Verfall. Dahinter schlummerten aber originale Baukonstruktionen und die Architekturästhetik der DDR Nachkriegsmoderne.
Im Jahr 2017 wechselte das Gebäude den Besitzer und steht nun nach Umbau mit seinem einzigartigen Charakter für moderne, zeitgemäße Arbeitswelten im Kontext der Industriearchitektur.
Die Architekten entwickelten eine neue innere Struktur, die skulptural über zwei Ebenen alle Nebenflächen wie Teeküchen und Besprechungsräume aufnimmt und die zuvor offene Geschossfläche inflexibel teilbare Einheiten zoniert. Gleich einer inneren Straße von 110m Länge verläuft sie durch das Gebäude und ermöglicht vielfältige Ein- und Ausblicke. Vor- und Rücksprünge und große verglaste Öffnungen in den begleitenden „Fassaden“ der Ateliers und Büros befördern die Kommunikation und den Austausch zwischen den einzelnen Nutzern. Das Neue ergänzt kongenial das Alte...
(...so wurde außergewöhnlich viel davon erhalten sowie sicht- und erlebbar belassen: an den Fassaden die Betonrahmenfenster, im Inneren das Stahlbetonskelett, die Deckenelemente aus der Frühzeit des seriellen Bauens einschließlich ihrer Untersichten und Estriche oder auch das Stahlgerüst des Firstoberlichtbandes. Wo es irgendwie möglich war, wurde auf Verkleidungen, Verkofferungen und Anstriche verzichtet: rohes Material, abblätternde Erstanstriche, Reste originaler Wandbeschriftungen und sogar Bombings und Tags der heimlichen Zwischennutzungen nach 1992 sorgen im Inneren für stylische Geschichtlichkeit. Wenn auch die Durchgängigkeit der einstigen Lageretagen zu Gunsten abgegrenzter Nutzungseinheiten aufgegeben werden musste, gelang dennoch durch Haus-in-Haus-Lösungen und geschickte Rauminszenierung ein sehr offener Raumeindruck...)
Dr. Escherich, Denkmalpfleger

Jurybeurteilung

Der Umbau des KONTOR-Gebäudes in Erfurt ist ein beispielgebendes Projekt für die Transformation großflächiger Gewerbegebäude zu hoch qualitätvollen Räumen digitalen und kreativwirtschaftlichen Arbeitens.
Von der Jury wird dabei besonders gewürdigt, dass es gelingt, den spröden Hallenraum der Nachkriegsmoderne sehr stimmig zu modernen Gewerbe- und Bürolofts umzu- gestalten. Dabei wird von den Architekten nicht gegen die Struktur gearbeitet, sondern mit den Mitteln der Innenarchitektur eine zentrale innere Erschließungsstraße ein- gefügt. Die wie Möbel anmutenden Wandscheiben sind durch farbige „Schrankfächer“ als Eingangsbereiche gegliedert. Großformatige Glasöffnungen im Galeriegeschoss schaffen Durchblicke und Querbezüge im Galeriegeschoss. Die glatten, monochromen Flächen stehen in spannungsvollem Kontrast zur rohen Konstruktion und den jahr- zehntealten Belägen und Oberflächen des Bestands. Elektroinstallation als Aufputz- Montagen und unverkleidete Kabeltrassen unterstützen die charakteristische industrielle Anmutung der Räume. Schließlich knüpfen ausgewählte Möbel der DDR-Moderne entstehungsgeschichtlich an die Hülle an und vermitteln den Gebäudecharakter im Inneren.
Insgesamt stellt der einfache markante Eingriff eine innovative Innenarchitektur dar, die für die vielfältigen Umbauaufgaben im Bestand inspirierend und beispielgebend wirkt.

Planung

herrschmidt architekten BDA PartG mbB, Erfurt

Auftraggeber

Frank Sonnabend, Erfurt

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