Fuge no. 1

Bauern- und Atelierhaus in Seitenbrück, Oberbodnitz, 2015
Anerkennung, Thüringer Staatspreis für Architektur und Städtebau 2016

Aus der Projektbeschreibung:

Das Projekt „Fuge no. 1 – Bauernund Atelierhaus Seitenbrück“ befindet sich im 93-Einwohner-Dorf Seitenbrück inmitten des Thüringer Saale-Holzland-Kreises und konnte in den vergangenen zwei Jahren realisiert werden. Auf dem knapp 1000 Quadratmeter großen Grundstück befindet sich zu Beginn der Arbeit der Bestand eines alten Bauernhauses aus dem 18. Jahrhundert.
Grundlage des Entwurfkonzeptes ist unsere Masterthesis an der Bauhaus-Universität Weimar vom Oktober 2012, die sich mit bestehenden Thüringer Dorftypologien sowie mit neuen Gestaltungsmöglichkeiten und einem nachhaltigen Umgang mit vorhandener Bausubstanz im ländlichen Raum beschäftigt.
Den ortstypischen Baukörpern entsprechend lassen sich die Gebäude in massive und leichte Elemente unterteilen. Der Sockelbereich als Basis wird massiv ausgebildet, darüber befindet sich eine Holzkonstruktion. Alle Räume werden ihrer Funktion entsprechend massiv aus Stein oder in Leichtbauweise aus Holz gefertigt. Die daraus entstehenden, sich in ihrer Materialität unterscheidenden Volumen greifen ineinander. Zwischen den Materialien entsteht eine Fuge. Der Entwurf entwickelt diese bestehende Fuge weiter und formuliert sie im Detail bewusster aus. Es entstehen Schwellenräume zwischen Stein und Holz – die Fuge wird erlebbar gemacht.
Neben der geradlinigen Realisierung des Entwurfkonzeptes entwickelt das Projekt Lösungskonzepte für aktuelle Problematiken. Die Wiederbelebung verlassener Häuser wird exemplarisch demonstriert, die architektonische Umsetzung steigert die Attraktivität für Leben und Arbeiten im ländlichen Raum und das Projekt verfolgt den Anspruch, vollständig recycelbar zu sein. So konnten 95 Prozent aller verwendeten Materialien aus natürlichen Rohstoffen gewonnen werden. Beispielsweise wurde mit Leichtlehmsteinen und Hanf gedämmt, die Drainage konnte komplett aus Stampflehm gefertigt werden. Der neue Kern des Hauses, gefertigt aus Sichtbeton, beinhaltet alle Leitungen, welche zentral und zugänglich gestaltet sind. Ein integrierter Festbrennstoffofen versorgt das Heiz- und Warmwassersystem des Hauses über die dazugehörigen Pufferspeicher.
Der Entwurf „Fuge no. 1“ nimmt sich bestehende Siedlungsstrukturen zum Vorbild und formuliert sie weiter. Traditionelle, dörfliche Bauweisen werden aufgegriffen und funktional sowie formal für heutige und zukünftige Ansprüche weiterentwickelt. „Fuge no. 1“ verbindet Alt und Neu, Massivität und Leichtigkeit, Tradition und Moderne.

Aus der Jurybeurteilung:

Ein verschlafenes, knapp 100-Seelen-Dorf inmitten des SaaleHolzland-Kreises in Thüringen, ein 1000-Quadratmeter-Grundstück, ein verlassenes altes Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert. Ein gewohntes Bild. Die Wiederbelebung solcher Orte
und die Entwicklung von Lösungskonzepten dieser Problematik sind die Aufgaben unserer Zeit, deutschlandweit. Das Projekt „Fuge no. 1“ nimmt sich genau dieses Themas an und demonstriert exemplarisch, wie man mit architektonischer Qualität die Attraktivität für Leben und Arbeiten im ländlichen Raum steigern kann.
Der Entwurf greift Traditionen, wie die dörfliche Bauweise, Strukturen und Materialen auf, interpretiert sie jedoch neu und entwickelt sie angemessen weiter, sodass sie den heutigen funktionalen Bedürfnissen und Ansprüchen gerecht werden. Geschickt und behutsam wird in die vorhandene Bausubstanz eingegriffen, die Struktur von massivem Sockel und leichtem, hölzernem Aufbau deutlicher im Detail herausgearbeitet. Die sogenannte Fuge mit ihren Schwellenräumen wird so erlebbar gemacht. Die Entwurfsverfasser beschränken sich konsequent auf wenige Materialien und stärken somit umso mehr das Entwurfskonzept. Stein für den Sockel, ein neuer Sichtbetonkern für die Installationen und eine Holzkonstruktion für Oberund Dachgeschoss. Besonders hervorzuheben ist dabei der vorbildliche Umgang mit Ressourcen. 95 Prozent sind aus natürlichen Rohstoffen gewonnen, zum Beispiel ist die Dämmung aus Hanf und Leichtlehmsteinen, die Drainage aus Stampflehm.
Die Jury würdigt den sensiblen Umgang mit einer bestehenden dörflichen Bautypologie, und den gleichzeitig konsequenten, neuen architektonischen Eingriff. Der Entwurf ist nicht historisierend, sondern verbindet Tradition mit Moderne. Der exemplarische Lösungsvorschlag könnte Vorbild für viele weitere verschlafene Dörfer und Häuser sein, die nur darauf warten, architektonisch wachgeküsst zu werden.

Planung

Merle Stankowski Atelier, Jena

Bauherren

Dr. Horst Mentrup, Architektin Ursula Schiwon-Mentrup, Potsdam

Diese Seite teilen

Unsere Profile in sozialen Netzwerken